
atmosfair news Oktober 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
vor kurzem erschien der neue Bericht der CENA Hessen für erneuerbares Flugkerosin. Das Kompetenzzentrum Luftverkehr der hessischen Regierung untersucht jährlich, wie sich die Produktion von E-Kerosin in Deutschland, der EU und weltweit entwickelt und vergleicht das u.a. mit den gesetzlichen Vorgaben der EU. Der Bericht 2026 fällt deutlich aus: Deutschland und Europa fallen zurück, viele Power-to-liquid-Kerosinprojekte werden abgesagt, gestoppt oder deutlich verkleinert. Die EU wird aus eigener Kraft ihr Ziel nicht erfüllen können, 2030 mindestens ca. 1 % ihres Kerosinbedarfs von Flugzeugen mit E-Kerosin zu decken.
Bei atmosfair können wir das aus erster Hand bestätigen. Unsere eigene Anlage für E-Kerosin in Werlte, Ende 2021 mit dem Beginn der Inbetriebnahme eingeweiht, läuft nicht. Die Kerntechnologie funktioniert technisch nicht wie geplant, so dass die Anlage seit der Eröffnung wie bereits 2024 berichtet insgesamt nur weniger als 10 Tonnen Rohkerosin statt wie geplant jährlich mehrere hundert erzeugen konnte, und diese wenigen Tonnen überwiegend nur in einem noch vereinfachten, nicht dem eigentlichen Betriebsmodus. Und weil wir hierzu immer wieder auch von Dritten konfrontiert werden: Der Standort Werlte war mit seiner Wasserstoff- und CO2-Infrastruktur gut gewählt und technisch gut geeignet. Wir konnten dem Technologiehersteller mit Ausnahme von wenigen Tagen alle Feedstocks wie Wasserstoff und Kohlendioxid in der nötigen Menge und Qualität bereitstellen. Im Ergebnis haben zwei unabhängige technische Gutachterfirmen unter der Beteiligung des Technologieherstellers Gutachten verfasst, und wir sind vom Vertrag mit Schadensersatz zurückgetreten. Der Hersteller hat inzwischen seine Anlage in Werlte abgebaut. Das Problem in Werlte waren nicht die fehlende politische Unterstützung und Rahmenbedingungen, die die CENA in ihrem Bericht als Ursache der enttäuschenden Entwicklung der Branche nennt, sondern die Power-to-Liquid-Technologie selbst. Inzwischen haben wir weitergehende rechtliche Schritte gegen den Hersteller eingeleitet und werden weiter berichten.
Was passiert da gerade? Warum klappt es nicht wie beim deutschen Solarwunder, das Anfang der Nullerjahre mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz begann, und das die Solarenergie planvoll zu einer tragenden Säule der Energiesysteme nicht nur in Deutschland gemacht und wirtschaftlich etabliert hat? Der politische Wille scheint doch auch beim E-Kerosin da zu sein?
Aber politischer Wille allein schafft keine Technologie. Die ersten Photovoltaikzellen funktionierten damals schon und lieferten Strom, wenn auch teuer. Beim E-Kerosin gibt es dagegen noch verschiedene technische Routen und dazugehörige Probleme: Alle laufen über das Zwischenprodukt Synthesegas, aber das kann technisch ganz unterschiedlich produziert werden: Eine Route läuft mit Wasserstoff und einer sogenannten RWGS (Reverse Watergas Shift Reaction), die aus CO2 das benötigte Kohlenmonoxid macht. Sie hat in der Praxis technische Herausforderungen. Eine andere Route erzeugt dagegen aus dem Synthesegas erst einmal Methanol, was einfach ist, und dann in einem sehr aufwändigen Schritt das Kerosin aus dem Methanol. Der zweite Schritt wurde gerade erst von der zuständigen ASTM (American Society for Testing and Materials) international zugelassen, und erste Produktionsanlagen dafür müssen noch gebaut werden.
Und diese technologischen Hürden verhindern den Fortschritt entscheidend, gerade, weil es ohnehin schon ein Henne-Ei-Problem gibt: Investoren wollen erst investieren, wenn sich die Industrie für die beste Route entschieden hat und die Technologie funktioniert und reif ist. Die Technologie aber reift erst, wenn viele Anlagen in vielen Betriebsstunden laufen. Die Banken vergeben aber erst Kredite, wenn die Anlagen laufen. Das passt alles nicht zusammen.
Die Politik wollte hier zu viel auf einmal: Für die Photovoltaik gab es damals eine feste Langfristförderung pro erzeugter Kilowattstunde. Damit konnte jeder Investor seine Investition sicher planen. Erst später hat der Gesetzgeber auf eine Quotenregelung umgestellt, in der die Vergütung für die Einspeisung variabel wurde und damit kostengünstiger, wenn auch unsicherer. Aber damals war die Technologie schon reif, und die Wirtschaft im Umgang damit erfahren genug.
Beim E-Kerosin hat die Politik dagegen die feste Vergütung übersprungen und ist gleich zur Quote gegangen, auch in der Hoffnung, Kosten zu sparen. Da wird es für die großen Ölkonzerne auf einmal rational, lieber Strafgebühren für verfehlte Quoten zu bezahlen und abzuwarten, welche Technologie funktioniert und sich durchsetzt und so Milliarden an Fehlinvestitionen zu vermeiden. Im Ergebnis bremst das die Entwicklung aber erheblich ab.
Bei atmosfair setzen wir jetzt auf die Methanolroute, weil Methanol auch kleinskalig und technisch noch verhältnismäßig einfach in Entwicklungsländern produziert werden kann, bevor der technologisch aufwändige und kapitalintensive Schritt vom Methanol zum Kerosin dann zunächst in Industrieländern erfolgen kann. Denn viele Entwicklungsländer bieten mit Wasserstoff und CO2 aus Abfallbiomassen sehr gute Ressourcen und damit Standorte für die Methanolproduktion, ohne dabei der eigenen nationalen Entwicklung zu schaden. Ganz im Gegenteil, es kann diese Länder in die Lage versetzen, mit Klimaschutz auch an dem kommenden Weltmarkt für E-Kerosin mitzuverdienen. In diesem Sinne haben wir bereits mögliche Standorte in Kenia, Äthiopien und anderen Ländern untersucht und wollen möglichst bald mit einer Pilotanlage beginnen.
Was übrigens im CENA-Bericht kaum Erwähnung findet, ist eine weitere Technologieroute, bei der das Synthesegas für das synthetische Rohkerosin direkt aus gasifizierten Restbiomassen erzeugt wird. Diese hat jedoch ein großes Potential, denn sie nutzt Abfälle wie Cashew- oder Kokosnussschalen, von denen es im Globalen Süden viel gibt. Das haben wir in einer eigenen Studie mit dem IFEU Institut letztes Jahr untersucht. Gemeinsam mit Partnern haben wir in einer Anlage in Wien bereits über 100 Liter Rohkerosin erzeugt und dies in voll einsatzfähiges und zugelassenes Kerosin für Verkehrsflugzeuge umgewandelt. Eine kleine Menge, aber für eine Beimischung von etwa 5 % für einen Passagierflug auf der Kurzstrecke reicht das bereits.
Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen sind nicht der einzige Weg, das Klima zu schützen, wie unsere neuesten Projekte in Brasilien zeigen. Dort fördern wir jetzt ein Abfallunternehmen dabei, Methanemissionen auf seiner Deponie in Strom umzuwandeln. Und wir setzen Gesteinsmehl dazu ein, CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zu entfernen. Mehr dazu finden Sie in diesem Newsletter.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Herzlich,
Ihr Dietrich Brockhagen
Geschäftsführer atmosfair
P.S.: atmosfair wächst und sucht engagierte Mitarbeiter mit technischem Hintergrund für unsere Klimaschutzprojekte weltweit. Haben Sie Interesse? Hier finden Sie die aktuellen Stellenausschreibungen von atmosfair und Solarbelt.
Umweltverträgliche Flugkraftstoffe – hergestellt im Globalen Süden
Einer der wichtigsten Hebel, um die Klimawirkung von Flugreisen zu reduzieren, sind Sustainable Aviation Fuels, also „nachhaltige Flugkraftstoffe”. Doch wie „nachhaltig” sind sie wirklich? Und welche Arten dieser Treibstoffe eignen sich besonders gut für die Produktion in Ländern des Globalen Südens?
Neues aus unseren Projekten:
atmosfair entfernt erstmalig CO₂ mit Gesteinsmehl
Bei negativen Emissionen beschreiten wir jetzt neue Wege: In Brasilien fördern wir das Start-up InPlanet, das eine neuartige Methode entwickelt hat, um Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu ziehen. Wir erklären, wie das genau funktioniert und warum auch Zitrusfrüchte davon profitieren.
Brasilien: grüner Strom aus Deponiegasen
In den Tiefen einer Mülldeponie am Rande von Rio de Janeiro entstehen große Mengen an Methan. Das Abfallunternehmen Orizon verwertet das klimaschädliche Gas ab jetzt, um elektrische Energie zu erzeugen. Doch mit uns möchten sie noch einen Schritt weiter gehen.





Teilen