atmosfair geht neue Wege: In Malawi produzieren wir Ziegel in energiesparenden Schachtöfen für einen wachsenden Baubedarf

„Die Entwaldung hier ist unser größtes Umweltproblem“, sagt Charles Nasala, Geschäftsführer von unserem Projektpartner New Vision Anenenji Building Construction. Ein Prozent des malawischen Waldes verschwinden jährlich – Tendenz steigend. Laut Welthungerhilfe wäre mit diesem Tempo in 40 Jahren sämtlicher Wald in Malawi gerodet. Ein großer Teil des Holzes landet in der Produktion von Ziegeln: Malawis Bevölkerung wächst und benötigt ein Dach über dem Kopf.

Divine Dhaka (Buchhalterin Fayam Limited) und Dr. Isidore Yama (Geschäftsführer Fayam Limited) auf der Baustelle des zweiten vertikalen Schachtofens

„Eine gewöhnliche malawische Familie baut ihr Eigenheim mit Ziegeln, und aktuell geschieht die Ziegelproduktion größtenteils im informellen Sektor“, beschreibt Charles Nasala die Situation. Zum informellen Sektor gehören Menschen und Kleinstunternehmen, die nicht in den offiziellen Zahlen eines Landes erfasst sind (Schattenwirtschaft).

Ziegel müssen zunächst geformt und dann gebrannt werden. Malawische Ziegelproduzenten stapeln geformte Ziegel typischerweise im Freien auf. In den Hohlräumen darunter entfachen sie ein Feuer mit Feuerholz und Holzkohle und brennen so die Ziegel. Weil dabei viel Abwärme verloren geht, benötigen Ziegelproduzenten große Mengen an Feuerholz. Häufig roden sie nahegelegene Wälder, die sich nur langsam oder gar nicht davon erholen.

Das Endprodukt ist zudem ein nicht einheitlich durchgebrannter Ziegel, weil die Temperaturverteilung schwer zu kontrollieren ist. „Wir können und wollen den Wunsch der Menschen nach einem – wohlgemerkt, sehr einfachen – Haus nicht aufhalten. Für viele Malawier sind diese Ziegel das einzig verfügbare Baumaterial.“ fasst Charles Nasala die aktuelle Lage zusammen. Er und andere suchen dringend nach Alternativen. So hat auch die malawische Regierung 2018 ein Gesetz verabschiedet, was den Bau öffentlicher und gewerblicher Gebäude mit Ziegeln aus der herkömmlichen Ziegelbrennmethode untersagt.

Besichtigung des fertigen VSBK-Ofens in Mulanje, von links: Shruti Kudtarkar (Gutachterin RINA), Stella Namakhoma (Produktionsleiterin NEVAGAS), Charles Billy Nasala (Geschäftsführer NEVAGAS), Justin Jere (Verwaltungsleiter NEVAGAS), David Grüttner (Projektmanager atmosfair), Peter Schramm (Leiter Baumaterialien, MIERA, GIZ) und Jordan Makasu (Leitender Ingenieur, NEVAGS)

atmosfair betritt Neuland im Bausektor

Bis zu den ersten Ziegeln aus alternativer Produktion war es ein weiter Weg. Gemeinsam mit MIERA, einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), hat atmosfair 2023 den malawischen Bausektor analysiert. Nach intensiver Vorbereitung konnte atmosfair Ende 2023 den ersten Vertrag mit Charles Nasala und NEVAGAS B.C. abschließen und so den Bau einer ersten Anlage zur klimafreundlichen Ziegelproduktion finanzieren.

Die vertikalen Schachtöfen (engl. Vertical Shaft Brick Kiln (VSBK)) laufen komplett mit erneuerbaren Rohstoffen und verbrauchen weniger als halb so viel Energie wie herkömmliche Produktionsstätten. Als Brennstoff nutzt NEVAGAS B.C. nicht etwa Brennholz, sondern Abfallstoffe wie Reisspelzen. Diese Biomasseabfälle aus der Reis- oder Teeproduktion würden ansonsten einfach verrotten oder von Bauern verbrannt werden. Im Schachtofen kann ihre Energie sinnvoll genutzt werden. Dabei entstehen nur CO₂-Emissionen, die CO₂-neutral sind, weil die Pflanzen ihren Kohlenstoff beim Wachsen aus der Atmosphäre zogen. Durch den Verzicht auf Brennholz und die effiziente Funktionsweise des VSBK sparen Ziegelproduzenten jedes Jahr rund 1.000 Tonnen CO₂ ein.

Der erste Ofen ist fertig

Im Dezember 2024 war es dann so weit: die Bauarbeiten am ersten Schachtofen waren abgeschlossen. Charles Nasala und seine Mitarbeitenden freuen sich, dass seine Firma schon bald mit der Produktion starten kann: „Mit diesem Brennofen können wir über drei Millionen Ziegel pro Jahr herstellen. Damit lassen sich 120 Häuser bauen – und die brauchen wir hier dringend.“ Die Bevölkerung von Malawi wuchs in den letzten 10 Jahren um etwa vier Millionen.

Hochwertige Ziegelproduktion

Die hohe Produktionsleistung ist Teil des VSBKPrinzips. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Methoden werden die Ziegel im VSBK in einem kontinuierlichen Brennprozess gebrannt. Unfertige Ziegelrohlinge werden zusammen mit dem klimafreundlichen Brennmaterial oben in den Schacht eingeführt und innerhalb von 24 Stunden bis zum Ende des Schachtes fortlaufend herabgelassen. In der Mitte des Schachtes befindet sich die sogenannte Hitzezone. In dieser brennen die Agrarreste ab, wodurch die Ziegel aushärten.

Die überschüssige Wärme zieht nach oben und erhitzt die oberen Ziegel kontinuierlich. Das spart viel Energie. Der gleichmäßige Brennprozess sorgt für einen besonders tragfähigen, starken Ziegel.

Der fertiggestellte VSBK in Mulanje, Malawi

„Der VSBK ist der beste und sparsamste Ofen.“

Der Bau des Ofen hat auch das Interesse von Dr. Isidore Yama aus der Hauptstadt Lilongwe geweckt: „Als ich von der VSBK-Technologie gehört habe, war schnell klar, dass ich mich mit atmosfair in Verbindung setzen will.“ Dr. Yama ist selbst Ziegelproduzent und hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Alternativen zur herkömmlichen Ziegelbrennmethode auseinandergesetzt. Dafür hatte er sogar einen eigenen Ziegelbrennofen gebaut. Doch auch seine Innovationskraft war irgendwann zu Ende: „Mein Brennofen hat seine Grenzen. Wir konnten ihn nicht größer machen, und die Produktion von 3000 Ziegeln pro Woche ist nicht wirklich ein Geschäft. Deshalb konnten wir in all diesen Jahren nicht viel erreichen.“ Nach eingehender Recherche kam Dr. Yama zu dem Schluss: „Der VSBK ist der beste und sparsamste Ofen.“

Wie viele Kleinunternehmer konnte auch Dr. Yama sein Geschäftsmodell bisher nicht ausweiten. Malawi erlebt derzeit eine schwere Wirtschaftskrise. Bankkredite sind oftmals so teuer, dass Unternehmen diese unmöglich bedienen können. Umso wichtiger ist die Arbeit von atmosfair. Im April konnte atmosfair die Zusammenarbeit mit Dr. Yama und seinem Unternehmen Fayam Limited vertraglich beschließen und diese mit dem Bau des Ofens beginnen. Mitte 2025 soll der Ofen stehen. Dr. Yama bereitet sich bereits intensiv auf die operative Phase vor: Schon jetzt ist er mit Produzenten der Holzindustrie in Kontakt und will abfallende Sägespäne und Reisspelzen als nachhaltiges Brennmaterial verwenden.

Weitere Expansion in Malawi geplant

Der Erfolg zieht an. atmosfair hat Kontakt mit weiteren malawischen Unternehmern aufgebaut, die bereits erste Schritte wie Bodenuntersuchungen durchgeführt haben. Mit fünf dieser Unternehmer hat atmosfair einen klaren Fahrplan erstellt, um das große Potential des VSBK weiter auszuschöpfen. Die hohe Nachfrage an Ziegeln wird auch in Zukunft weiterwachsen. Damit das nicht katastrophal für die malawischen Wälder endet, braucht es heute Investitionen in klimafreundliche Technologien – wie die von atmosfair.

Reisspelzen eignen sich als klimafreundlicherer Brennstoff für die Ziegelproduktion.
Darunter: Blick von unten in den Schacht eines VSBK.