Ein Pilotprojekt nimmt Gestalt an: In Kolumbien entsteht eine Biogasanlage, die Abfälle aus Stadt- und Landwirtschaft klimafreundlich und wertschöpfend nutzt.
Morgens, 7:30 Uhr in Buga, etwa eine Stunde nördlich von Cali in Kolumbien: Tobias Hanke ist schon seit einiger Zeit auf den Beinen. Die Kinder sind zur Schule gebracht. Nun geht es weiter durch die von Bergen gesäumte Stadt zum Gelände der SENA, einer staatlichen Ausbildungsschule mit landwirtschaftlichem Schwerpunkt, am Rande der Stadt gelegen. Freundschaftlich begrüßen ihn die Wärter an der Pforte, denn sein Engagement ist allen bekannt.

Auf dem Gelände der SENA und in enger Zusammenarbeit mit der Schule verwirklicht Hanke ein Herzensprojekt: Der erfahrene Ingenieur baut hier mit seiner Firma Hanke S. A. S. und mit Förderung von atmosfair eine Biogasanlage. Hanke hat bereits in Deutschland und in Afrika Projekte geplant und umgesetzt, seit zwölf Jahren lebt er in Buga. Nach kurzer Fahrt erreicht er die Baustelle. Sein Team ist bereits dabei, lange, gelbe Flachgummibänder zu einer Dichtung zu verarbeiten. Die Männer in den weißen Hemden, die hier anpacken, kommen alle aus dem Nachbardorf. Ein Blick auf die Baustelle macht schnell deutlich, dass sich diese Biogasanlage grundlegend von den in Deutschland üblichen, meist runden Anlagen unterscheidet. Sie basiert auf einer rund 50 Meter langen und zehn Meter breiten rechteckigen Grube. Die Anlage hat Hanke gezielt so konzipiert, dass sie besonders robust ist und wartungsarm betrieben werden kann: „Spezielle Ersatzteile oder technische Unterstützung lassen sich in Kolumbien kaum beschaffen, weil Biogas hier noch eine junge Technologie ist. Darum habe ich die Anlage so entwickelt, dass sie ohne ein komplexes, mechanisches Rührwerk auskommt. Stattdessen wird entstandenes Biogas in die flüssige Biomasse eingeleitet, wo es die Masse durchmischt und für die notwendige Bewegung sorgt.“
Biogasanlage
In einer Biogasanlage zersetzen Mikroorganismen organische Stoffe unter Sauerstoffausschluss. Dabei entsteht neben dem Gärrest, der sich als Dünger einsetzen lässt, Biogas: ein Gemisch, das hauptsächlich aus Methan und CO₂ besteht. Dieses Gas wird aufgefangen, so dass es nicht in die Atmosphäre entweicht. Das energiereiche Gas lässt sich z. B. nutzen, um Strom in einem Heizkraftwerk zu erzeugen, oder direkt als Kochgas.
Treibhausgas Methan
Die Vermeidung von Methanemissionen ist ein zentraler Aspekt der Biogasanlage. Methan ist ein Treibhausgas, das über einen Zeitraum von 100 Jahren etwa 25-mal klimaschädlicher ist als CO₂. Über die ersten 20 Jahre betrachtet sogar rund 100-mal. Die Reduktion von Methanemissionen ist daher nicht nur langfristig entscheidend, um die Klimaziele zu erreichen, sondern vor allem kurzfristig ein äußerst wirksames Instrument, um das 1,5-Grad-Ziel nicht (wesentlich) zu überschreiten.
Zudem hat Hanke das Design an das Klima und die verfügbare Biomasse angepasst. Während in Deutschland eine Anlagenbeheizung beziehungsweise Isolation essenziell ist, kann diese in Kolumbien entfallen. Andererseits muss auf einen besonders guten Korrosionsschutz geachtet werden. „Tropikalisierung europäischer Technologie“ nennt das Juan Pablo Llano Castaño, Mitarbeiter der regionalen Umweltbehörde CVC. Die Behörde hat das Umweltgutachten für die Biogasanlage erstellt, welches bestätigt, dass sie unter den lokalen Auflagen realisiert werden darf. Die CVC überwacht auch die fachgemäße Entsorgung von Biomasse in der Region. Gerade kleinere landwirtschaftliche Betriebe hätten Schwierigkeiten, ihre Reste ordnungsgemäß zu entsorgen, da oft die finanziellen Mittel fehlten. In offenen Gruben gelagert würde Methan aus dem Tierdung entweichen. Die Verarbeitung des Dungs in einer Biogasanlage sieht Juan Pablo daher als überzeugende Lösung.

Das Biogasprojekt trägt nicht nur zur Minderung landwirtschaftlicher Treibhausgasmissionen bei, sondern reduziert auch städtische Methanquellen. Derzeit werden die Abfälle der Stadt Buga auf einer Mülldeponie entsorgt. In den Tiefen der Deponie entsteht unter Sauerstoffausschluss ebenfalls Methan, das in die Atmosphäre gelangt. Astrid Pulido ist Nachhaltigkeitsbeauftragte einer familiengeführten Supermarktkette vor Ort und berichtet, dass bei ihnen täglich große Mengen organischer Abfälle auf der Deponie landen – ein ideales „Futter“ für die Biogasanlage.
Mit dem Biogas lässt sich erneuerbarer Strom erzeugen, während die Gärreste einen hochwertigen organischen Dünger abgeben.
Nach der Inbetriebnahme will Hanke täglich rund 12 Tonnen organischer Reststoffe verarbeiten. Mit dem Biogas produziert er 2.000 Kilowattstunden Strom am Tag, mit denen er das Ausbildungszentrum SENA, auf dessen Gelände die Anlage steht, und einige lokale Haushalte versorgt. Tobias Hanke blickt optimistisch in die Zukunft: „Die Bauarbeiten gehen gut voran und viele Hürden haben wir bereits überwunden. Und die verbleibenden bürokratischen Hindernisse werden wir ebenfalls meistern.“ Gegen Ende 2026 wird die Pilotanlage fertiggestellt sein und schrittweise den Betrieb aufnehmen. Dann verhindert sie jährlich etwa 2.200 Tonnen CO₂-Äquivalente an Methanemissionen auf Deponien und in der Landwirtschaft. Das Biogaskraftwerk spart gleichzeitig etwa 300 Tonnen CO₂ ein, indem es fossil erzeugten Strom ersetzt. Der gesamte Klimaschutzeffekt beläuft sich somit auf 2.500 Tonnen Kohlenstoffdioxid, so viel verursachen 250 durchschnittliche Deutsche jedes Jahr. Drei weitere Anlagen sollen folgen, die in Zukunft 145 Tonnen organische Reststoffe am Tag verarbeiten und genügend Strom produzieren können, um die SENA und rund 1.500 Haushalte zu versorgen – der entscheidende erste Schritt, um Biogasanlagen in Kolumbien zu etablieren.


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